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Wie Deutschland einen frühen COVID-19-Erfolg verspielte

Deutschland, das lange als europäische Erfolgsgeschichte im Kampf gegen die Pandemie galt, wurde von einer zweiten Coronavirus-Welle hart getroffen, die täglich neue Rekordzahlen an Infektionen und Todesfällen brachte.

Während sich die Intensivbetten füllen und die Deutschen unter teilweiser Abriegelung in die Weihnachtsferien gegangen sind, werfen wir einen Blick darauf, was schief gelaufen ist.

 

Merkel gegen die Regierungschefs

Bundeskanzlerin Angela Merkel, erntete während der ersten Welle im Frühjahr Lob dafür, dass sie den Deutschen eine klare und faktenbasierte Anleitung zu COVID-19 gab.

Die enge Zusammenarbeit mit den Regionalleitern der 16 deutschen Bundesländer ermöglichte frühzeitige und flächendeckende Tests und schnelles Handeln gegen lokale Ausbrüche.

Aber das föderale System des Landes wandte sich später gegen Merkel. Bei einem entscheidenden Treffen im Oktober plädierte sie vergeblich für harte neue Einschränkungen, um die rapide steigenden Infektionszahlen zu bekämpfen.

Viele regionale Regierungschefs, die sich davor scheuten, den Unternehmen noch mehr finanzielle Schmerzen zuzufügen, und nervös wegen einer immer lauter werdenden Anti-Masken-Bewegung waren, widersetzten sich Merkel und es entstand ein verwirrendes Flickwerk von Regeln.

Merkel erklärte sich damals als “unzufrieden“, hatte aber keine Macht, landesweite Maßnahmen durchzusetzen.

Während andere europäische Länder zu harten Schließungen zurückkehrten, einigten sich die deutschen Staats- und Regierungschefs schließlich auf eine vierwöchige “leichte” Schließung im November, die Schulen und Geschäfte offen hielt, aber Restaurants, Freizeit- und Kulturzentren schloss – mit wenig Wirkung.

Es war wahrscheinlich die größte politische Fehlkalkulation des Jahres“, sagte Der Spiegel.

Krisengespräche zwischen Merkel und den Regionen führten dazu, dass Deutschland am Mittwoch zu einer teilweisen Abriegelung zurückkehrte und Schulen und nicht lebensnotwendige Geschäfte zusätzlich zu den bestehenden Einschränkungen bis mindestens zum 10. Januar geschlossen wurden.

 

Müde Deutsche

Obwohl sie im Ausland manchmal sanft als Verfechter der Regeln verspottet werden, zeigen nicht alle Deutschen das gleiche Engagement für das Tragen von Masken und die soziale Distanzierung wie zu Beginn der Pandemie.

Als die Weihnachtsmärkte abgesagt wurden, um das soziale Miteinander einzuschränken, entstanden Glühweinstände, die zum Leidwesen Merkels große Menschenmengen anzogen.

Während der Frühjahrssperre haben wir unsere Kontakte um 63 Prozent reduziert. Im Moment haben wir nur 43 Prozent geschafft, das ist einfach zu wenig“, sagte Christian Drosten, einer der bekanntesten Coronavirus-Experten in Deutschland, kürzlich.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat gesagt, dass die Deutschen ihre sozialen Kontakte um mindestens 60 Prozent reduzieren müssen, um die Übertragungsraten wieder auf ein Niveau zu bringen, bei dem Kontaktdetektoren mit der Infektionskette mithalten können.

Die Coronavirus-Warn-App des Landes wurde bereits 23,5 Millionen Mal heruntergeladen. Aber nur etwa die Hälfte der Nutzer, die positiv getestet wurden, haben die Benachrichtigungsfunktion der App tatsächlich genutzt.

 

Östliche Bundesländer und die Rechtsextremen

Die am stärksten von Coronaviren betroffenen Bundesländer liegen derzeit im ehemaligen kommunistischen Osten Deutschlands, wo auch die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) den größten Zulauf hat.

Dazu gehören die Landkreise Bautzen und Görlitz im Bundesland Sachsen, wo die Coronavirus-Inzidenzrate jetzt bei 600 pro 100.000 Menschen liegt – mehr als das Dreifache der bundesweiten Rate.

Die AfD hat in den letzten Monaten gegen die Eindämmung des Virus gewettert und ihre Mitglieder haben sich einer Reihe von “Anti-Corona“-Demos angeschlossen, bei denen sie mit Anti-Maskierern, Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern marschierten.

Nachdem er zunächst die “Hysterie” über die steigenden Infektionszahlen verurteilt hatte, gab Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer zu, dass er das Virus “unterschätzt” habe und ordnete zwei Tage vor dem Rest Deutschlands eine teilweise Abriegelung seines Bundeslandes an.

 

Ältere Menschen am stärksten betroffen

Der Chef des RKI, Lothar Wieler, hat sich besorgt über die steigende Zahl von Fällen und Todesfällen in Altenheimen geäußert.

Allein in der Hauptstadt Berlin hat sich die Zahl der positiv auf das Virus getesteten Rentner seit Mitte November auf über 2.000 Fälle mehr als verdoppelt.

Von den mehr als 24.000 COVID-19-Todesfällen, die bisher in Deutschland registriert wurden, waren laut der Datenagentur Statista 87 Prozent Menschen im Alter von 69 Jahren oder älter.

Bundesweit schlagen Pflege- und Betreuungsheime Alarm wegen Personalmangels, der es erschwert, ältere Menschen und deren Betreuer schnell zu testen und zu isolieren. Viele klagen auch über einen Mangel an hochwirksamen FFP2- und FFP3-Masken am Arbeitsplatz.

Merkels Regierung hat zugesagt, Senioren und Pflegern kostenlose FFP2-Masken zur Verfügung zu stellen.